Kennen Sie Tomaru?

Marburg, im Juni 2001 Wolfgang Vits

Die ersten Tomaru wurden 1994 mit Hilfe eines japanischen Freundes in Deutschland eingeführt, 1996 und 1997 in je einem Sichtungs- und Anerkennungsverfahren den Rassezüchtern vorgestellt und 1998 in den Dt. Standard aufgenommen.

Die folgende Historie der in Japan gut verbreiteten Kräherrasse folgt im wesentlichen der bekannten Darstellung von Shichiro Koyama (+) des Jahres 1978, die von dem Flamen W. Lombary mit japanischen Studenten übersetzt und für uns Europäer zugänglich gemacht worden ist.

Tomaru sind eine der drei in Japan gezüchteten Langkräherrassen. Man vermutet, daß die Vorfahren – die Oo-Tomaru oder Dai-Tomaru ( Dai = groß) – zu Beginn der Tokugawazeit das ist ab ca. 1615 n.Chr. oder schon früher von China nach Japan verbracht worden sind. Seit ca.1870 ist eine "Tomaru-Rasse" im japanischen Schrifttum belegt, die sich durch ihre Langkrähereigenschaft auszeichnet. Die Oo- oder Dai-Tomaru waren hinsichtlich ihres Typs und ihrer Farbe zunächst bunt gemischt und uneinheitlich. Darunter gab es auch eine schwarze Variante, die man als die Vorläufer der heutigen Tomaru ansehen muß. Die Langkräheigenschaft soll bereits fest in der Rasse verankert gewesen sein. Koyama vermutet, daß die als Rasse älteren Dai-Tomaru dieses Rassemerkmal durch Einkreuzung in Japan von den Shokoku erhalten haben, die etwa seit 700 n. Chr. in Japan bekannt sind. Eine andere Version ist, daß sie die Anlage bereits aus China mitbrachten. Noch bis ca. 1926 sollen im Gebirgsland der Provinz Niigata Reste der als sehr groß beschriebenen Oo-Tomaru existiert haben, heute sind sie als Rasse erloschen.

Im Jahre 1939 wurden die Tomaru, nun bereits eine durchgezüchtete und bodenständige Rasse, als Naturdenkmal anerkannt und seither vom Kultusministerium der Niigata-Region gefördert und bewahrt. Es gibt eine staatlich organisierte Zuchtstätte, die einen ausgewählten Zuchttierbestand enthält, Kücken für den Fortbestand der Rasse erzeugt und preisgünstig an Interessenten verteilt.

Von den drei Kräherrassen, die im mittleren Japan auf Schauen etwa ein Drittel der ausgestellten Hühner ausmachen, "singen" die Tomaru die mittlere Tonlage, vergleichbar dem Bariton. Die eleganteren Totenko sind die Tenöre und die wuchtigen Koeyoshi die Bässe im Langkrähertrio. Es besteht offensichtlich ein Zusammenhang zwischen dem Körpervolumen und der Tonlage der Hahnenstimme.

Bei einer Veranstaltung des 20-Sekunden-Kräher-Clubs, der Mitte der 90er Jahre auf Initiative einiger Enthusiasten des Krähersports ins Leben gerufen wurde, erlebte ich 1999 nahe Niigata Krähleistungen des besten Totenko von 23 gestoppten Sekunden Länge, die Sieger der Tomaru- und Koeyoshi-Rassen erreichten jeweils 18 sec. Musikalisch verwöhnte Fachleute behaupten, die Stimme des krähenden Tomaru sei die melodischste, aber das ist Geschmacksache.

Seit dem Jahre 1972 gibt es im Ursprungsgebiet der Rasse einen Sonderverein mit 21 örtlichen Untergliederungen, das hat der Rassezucht von Tomaru-Krähern starke Impulse gegeben.

Tomaru sind von ruhigem Wesen und werden gegenüber ihrem Betreuer rasch zutraulich. Die Hähne sind nicht so kampflustig wie z.B. die Denizli, dennoch wissen sie sich gegenüber Nebenbuhlern energisch durchzusetzen. Tomaru sind keine Winterleger. Wie die meisten älteren Rassen sind sie nicht auf Hochleistung gezüchtet wie ehedem die meisten unserer Wirtschaftsrassen. Im hessischen Bergland mit seinem leicht verspäteten Frühlingseinzug beginnen sie Mitte bis Ende Februar mit dem Legen. Die Legeleistung liegt bei ca. 100 bis 120 Eiern (geschätzt). Etwa die Hälfte der Hennen wird brütig und sind zuverlässige Mütter. Die Befruchtung ist bei gesunden Tieren i.d.R. hundertprozentig. Tomaru sind kunstbrutfest. Die Kücken sind farblich denen der schwarzen Wyandotten ähnlich, auch die Füßchen sind anfänglich gelblich weiß. Die Befederung ist etwas retardiert (Gefiederbremse), doch sie verläuft zügiger als bei den Denizli oder manchen Halbasiaten. Die Geschlechtsreife tritt bei den Tomaru etwa mit 7 bis 8 Monaten ein. Das hat den Vorteil, daß man Junghähne einer Altersgruppe recht lange beisammen halten kann. Zunächst kräht nur der Alphahahn, den anderen wird der Schnabel verboten. Schon bei den ersten Krähversuchen kann man Unterschiede in der zu erwartenden späteren Ruflänge feststellen. Die Entwicklung der Stimme ist erst am Ende des ersten Lebensjahres abgeschlossen, dann klingt sie samtweich, klar und melodisch.

Kannte man in Europa in den 50er Jahren nur unsere Bergischen Kräher als einzige Langkräherrasse, so gibt es heute eine reichhaltige Palette exotischer Rassen mit diesem faszinierenden Rassemerkmal: Innerhalb eines Jahrzehnts wurden die türkischen Denizli-Kräher, die japanischen Koeyoshi und Tomaru und jüngst nach Ausräumung einiger Mißverständnisse auch die rasanten Totenko in den Deutschen Rassegeflügelstandard aufgenommen. Eine weitere Langkräherrasse, die russischen Jurlower Kräher, ist seit kurzem in mehreren Züchterhänden.

Wer nun glaubt, langes Krähen würde aus allen Hahnenkehlen gleich klingen, der sollte bald eine Meisterschaft des Sondervereins der Züchter asiatischer Langkräher besuchen, um festzustellen, daß eine jede Rasse ihre eigene, rassespezifische Tonlage, Lautstärke und ein spezielles Timbre hat. Die Langkräherzüchter aus aller Welt – es gibt weitere Rassen in Indonesien und Brasilien – haben uns ein interessantes Repertoir an verschiedenartigen Hahnenstimmen überliefert, darunter ist der klare und wohlklingende Bariton der Tomaru von besonderer Markanz.

Es wird keine Rasse in den Deutschen Rassegeflügelstandard aufgenommen ohne die exakte Beschreibung des äußeren Erscheinungsbildes (Phänotyps). Dabei kam uns zustatten, daß die Tomaru wie auch die Totenko bereits in Japan in Form und Farbe gut durchgezüchtet sind.

Tomaru haben eine kräftige Landhuhnform, man erwartet vom Junghahn ein Gewicht von 2,8 kg, von der Henne 2,15 kg. Mehrjährige Tiere sollen ihr Gewicht auf 3,75 bzw. 2,8 kg bringen. Auf Schauen in Japan sieht man überwiegend mehrjährige Exponate. Wie bei vielen anderen japanischen Rassen ist die Besichelung und die Länge der Schwanzfedern ausgeprägter im zweiten Lebensjahr. Dies ist ein Erbe der Shokoku (Langschwanzhuhn), von denen sie neben dem Rassemerkmal für lang anhaltendes Krähen auch die Anlage für das üppigere Schwanzgefieder erhalten haben. Wie bei den meisten ostasiatischen Rassen üblich und in Europa lange Zeit verkannt, werden die Steuerfedern der Schwänze weniger gefaltet, statt dessen etwas offener getragen als manche nordwesteuropäische Rassen dies tun.

Die Kämme bereiten in der Zucht der Tomaru keine Schwierigkeit. In den bisherigen Aufzuchten erhielten wir ca. 80 % fehlerfreie Stehkämme mit 4 bis 6 Kammzacken, die fest aufgesetzt und von feiner Struktur sind.

Tomaru gibt es nur im schwarzen Farbschlag, es ist ein Schwarz reich an Grünlack, die Läufe sind pechschwarz, so auch die Hennenköpfe. Der Hahnenkamm ist dunkelrot mit schwarzer Patina, je dunkler um so besser. Die dunkelroten Ohrlappen und die schwarzbraune Augenfarbe entsprechen dem pigmentreichen Farbbild. Dennoch handelt es sich nicht um Schwarzhauthühner. Die Haut und die Fußsohlen sind weiß, folglich auch der Schlachtkörper.

Es gibt in Japan eine sehr ähnliche Rasse, die auch in der Vergangenheit öfter mit den Tomaru gekreuzt worden ist, denn sie krähen länger als andere Hühnerrassen, werden jedoch nicht zu den Langkrähern gezählt.: Es sind die Kurogashiwa, im Typ und mit ihrer Gefiederfülle sind sie eher eine Langschwanzrasse. Sie sind von geringerem Körpergewicht und ihre Hauptsicheln sollen bei flacher Schwanzhaltung den Boden berühren. Ein deutlich ausgeprägter Schwanzwinkel der Tomaru muß deshalb zur Unterscheidung von der im Farbbild konkurrierenden Rasse gefordert werden.

Aus diesem Grunde sind die Rückenlänge und der Schwanzwinkel des Tomaruhahnes im Deutschen Geflügelstandard von 1999 (Zeichnung Wittlich) nicht korrekt dargestellt. Auch der Hahn im Handbuch der Hühnerrassen (Wandelt u. Wolters 1996) ist kein Musterexemplar, da im Stand zu hoch und in Lauf- und Augenfarbe mangelhaft. Es ist zu hoffen, daß Neuauflagen mit besserem Anschauungsmaterial ausgestattet werden.

Das wichtigste Rassemerkmal der Tomaru ist natürlich ihre Stimme. Deshalb ist ein Krähruf von weniger als 7 Sekunden Länge der an erster Stelle genannte Ausschlußfehler bei Schauen in ihrer Heimat. Bei den Geflügelschauen in Japan mißt ein Beauftragter der Ausstellungsleitung die Krährufe der Langkräher und wandelt unauffällig während der Bewertung zwischen den Käfigreihen. Sobald ein Kräherhahn sich aufreckt, mit den Flügeln schlägt und somit die Absicht andeutet, daß er seine Stimme erschallen lassen will, ist der Zeitnehmer zur Stelle, stoppt die Länge des Krährufs und notiert sie in einer Liste. Hähne, die die geforderte Mindestkrähleistung nicht erbringen, - sie mögen noch so schön sein! – werden nicht unter die Preisträger plaziert. Diese Berücksichtigung des Rassemerkmals "langes Krähen" bei den Schauen verhindert, daß die Züchter durch einseitige Selektion auf Schönheit und Schauerfolg das Leistungsmerkmal vernachlässigen und das Zuchtgeschehen auf "Schönheitslinien" und "Leistungslinien" hinausläuft, wie es bei uns leider seit vielen Jahren üblich geworden ist.

Hätte man in den 50er Jahren die Bergischen Kräher auf unseren Schauen einem ähnlichen Selektionsdruck unterworfen und eine Mindestforderung an Krähleistung von dem künftigen Zuchthahn vorausgesetzt, dann würde es heute leichter sein, den Anspruch von Leistung und Schönheit in dieser altehrwürdigen Rasse zu verwirklichen.

Bei der Beurteilung des Krähens der Tomaru wird nach Koyama der Ruflänge der größte Wert beigemessen, danach sind die Tonlage und die Reinheit der Stimme wichtig. Wie bei den Bergischen Krähern, den Denizli und den Totenko endet auch das Krähen der Tomaru mit einem "Schnork", wenn der Hahn nach langem Krähen die Luft wieder hörbar einsaugt.

Heute bestehen keine Zweifel, daß der Ursprung aller Langkräher in China zu suchen ist. Von dort verbreiteten sich die Vorfahren unserer heutigen Rassen nach Osten, Südosten und Westen. Vermutlich vererbten die nachweislich aus China stammenden Shokoku den japanischen Rassen, den Totenko, den Tomaru und den Koeyoshi ihre lange Stimme. Über die Seidenstraße erfolgte der Kulturtransfer bis zum östlichen Mittelmeer. Dort entstanden die türkischen Denizli-Kräher, benannt nach der Stadt der einstigen Hochburg ihres Verbreitungsgebietes. Vielleicht schon in oströmischer und byzantinischer Zeit, mit Sicherheit aber zu Zeiten des osmanischen Großreiches, entstanden in mehreren Landschaften lokale Kräherpopulationen. Die Muslime nennen die Schreihälse auch scherzhaft "Muezzinhähne". Nach Berichten, deren Wahrheitsgehalt nur schwerlich zu überprüfen ist, soll es Langkräher in den von der ehemaligen UDSSR abgefallenen Muslimstaaten geben, dazu im Jemen und in Persien.

Der Sonderverein zur Erhaltung asiatischer Langkräherrassen, gegr. 1990, stellt sich die Aufgabe, alle in Europa gezüchteten lang krähenden Hühnerrassen in ihrem Bestand abzusichern und das besondere Rassemerkmal "lang anhaltendes Krähen" als Ergebnis einer Jahrtausende währenden Evolution des Haushuhns zu erhalten. Dies geschieht in Abstimmung mit den Züchtern und der Organisation der japanischen Rassezucht. Die Verbindung zu den Kräherzüchtern in der Türkei ist durch ein halbes Dutzend türkischer Denizli-Experten in unserem Sonderverein hergestellt.

Es ist erfreulich, daß sich jüngst auch im BDRG die Tendenz durchsetzt, das Kulturschaffen der Rassezucht des Auslandes mit seinen ursprünglichen Zuchtzielen und Rassemerkmalen vorbehaltlos zu akzeptieren. Gut so! Denn in unserer enger werdenden Welt wird es in Zukunft noch viel mehr auf gemeinsames Handeln ankommen, wenn wir Haustiere mit einzigartigen Rassemekmalen als Weltkulturerbe erhalten wollen. Und die Hähne mit der besonderen Stimme gehören gewiß dazu.

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